Endometriose verstehen
Aktuelles Wissen über diese komplexe Erkrankung
Was ist Endometriose?
Endometriose ist eine chronische (Schmerz-)Erkrankung, bei der sich Zellen, die denen der Gebärmutterschleimhaut ähneln, außerhalb der Gebärmutter ansiedeln. Dies kann im kleinen Becken geschehen und lokal bleiben, aber auch streuen und auf z.B. Lunge oder Hirn übergehen. Diese Zellen reagieren - wo immer sie sich auch befinden - auf die Hormone des weiblichen Zyklus und können daher starke Schmerzen und viele weitere Beschwerden verursachen.
Aktuelle Erkenntnisse (2026)
Endometriose wird heute als neuroinflammatorische Ganzkörpererkrankung verstanden, die mit chronischer Entzündung und genetischen Faktoren verbunden ist. Eine Studie aus 2023 identifizierte über 40 genetische Variationen, die das Risiko erhöhen, und zeigte Verbindungen zu Erkrankungen wie Migräne, Asthma und anderen Schmerz- sowie Entzündungszuständen.
Chronische Schmerzen bei Endometriose können eine zentrale Sensibilisierung auslösen, die das Schmerzempfinden verstärkt. Das bedeutet, dass die Erkrankung nicht nur das Fortpflanzungssystem, sondern den gesamten Körper betrifft.
Die wichtigsten Fakten
- Häufigkeit:Betrifft ca. 10% der Frauen / Menschen mit Uterus weltweit (~190 Millionen)
- Lokalisation:Kann im gesamten Becken, aber auch außerhalb auftreten — einschließlich Darm, Blase, Zwerchfell und selten Lunge oder Gehirn
- Diagnose:Verzögerte Diagnose: oft erst 7–10 Jahre ab Symptombeginn haben Betroffene Gewissheit
- Symptome:Die Schwere der Symptome korreliert nicht mit dem Ausmaß der Erkrankung
Klassifikation
Endometriose im kleinen Becken: die drei Subtypen
Endometriose ist keine einheitliche Erkrankung. Wenn sie im kleinen Becken auftritt, umfasst sie drei Subtypen:
Ovarielle Endometriose
Ist häufig genetisch bedingt und leichter am Ultraschall auffindbar. Bildet Zysten (Endometriome) an den Eierstöcken.
Tiefe Endometriose
Führt zu hartnäckigen Knoten tief im Becken, die v.a. auch im MRT darstellbar sind. Kann Darm, Blase und andere Organe betreffen.
Peritoneale Endometriose
Ist am häufigsten, jedoch schwer diagnostizierbar, da Läsionen meist oberflächlich und über das Bauchfell verstreut sind.
Wusstest du?
Während Endometriose am häufigsten im Beckenbereich auftritt, kann sie an überraschenden Stellen im gesamten Körper erscheinen:
- - Lunge
- - Gehirn
- - Zwerchfell
- - Augen
- - Operationsnarben
- - Ischiasnerv
Diese seltenen Erscheinungsformen verdeutlichen, warum Endometriose manchmal als 'Chamäleon der Gynäkologie' bezeichnet wird.
Wie sich die Krankheit verhält
Endometriose ist eine bemerkenswert heterogene, chronisch-entzündliche Erkrankung, die traditionell durch das „Vorhandensein von endometrium-ähnlichem Gewebe außerhalb der Gebärmutter" charakterisiert wird, deren klinisches Erscheinungsbild jedoch stark variiert – von asymptomatischen, „stillen" Fällen bis hin zu schweren, lähmenden chronischen Schmerzen und Unfruchtbarkeit. Der Verlauf und das Wiederauftreten von Endometriose (z.B. nach einer Operation) sind notorisch unvorhersehbar, wobei Läsionen unterschiedliches Verhalten und verschiedene Reaktionen auf hormonelle und entzündliche Signale zeigen, was sowohl die Diagnose als auch die Behandlung erschwert. Auf molekularer Ebene treiben dysregulierte Zelladhäsion, aberrante Angiogenese, steroidabhängige Signalwege sowie veränderte Immun- und Entzündungsreaktionen gemeinsam die vielschichtige Pathologie dieser Erkrankung an. Das Verständnis dieser Mechanismen ist entscheidend, um die rätselhafte Natur der Endometriose zu entschlüsseln und zielgerichtete Therapiestrategien zu entwickeln.
Mechanismen der Erkrankung
Neuro-immunologischer Hintergrund
Der menschliche Körper umfasst komplexe Systeme, die stark ineinander greifen können. Doch welche Prozesse begünstigen die Ausbildung von Endo und deren Läsionen sowie Schmerzen?

Beeinträchtigung der natürlichen Killerzellen
Obwohl die Anzahl der NK-Zellen normal sein kann, ist ihre Funktion reduziert. Dies beeinträchtigt die Fähigkeit des Organismus, ektope Endometrioseläsionen zu beseitigen, was das Fortschreiten der Krankheit begünstigt.
Interaktion zwischen Immunsystem und Nerven
Schmerzrezeptoren (Nociceptoren) setzen den Mediator CGRP frei, der Makrophagen über den RAMP1-Signalweg aktiviert. Aktivierte Makrophagen setzen entzündungsfördernde Zytokine wie IL-6 und TNF-α frei, die die Schmerzempfindung weiter verstärken und einen Teufelskreis schaffen.
Anhaltende Entzündung
Endometrioseherde entziehen sich der körpereigenen Immunabwehr und wachsen weiter. Die dadurch entstehende proinflammatorische Umgebung hält die Schmerzweiterleitung aufrecht und fördert chronische Beschwerden.
Zentrale Sensibilisierung
Chronische periphere Entzündungen führen zu Veränderungen im zentralen Nervensystem, was weit verbreitete Schmerzen verursacht, ähnlich wie auch bei anderen neuroimmunologischen Erkrankungen.
Umweltfaktoren
Toxinbelastung (wie Dioxine) während der pränatalen Phase kann die Entwicklung des Nerven-, Hormon- und Immunsystems beeinflussen und möglicherweise später im Leben zur Entstehung von Endometriose beitragen.
Ein besseres Verständnis dieser immunologischen Mechanismen ist entscheidend, um neue therapeutische Ansätze zu entwickeln, die die Schmerz- und Entzündungskomponenten von Endometriose gezielt behandeln.
Entstehungstheorien
Mehrere Theorien versuchen zu erklären, wie Endometriose entsteht. Die Forschung enthüllt weiterhin das komplexe Zusammenspiel von Genetik, Immunfunktion und Entwicklungsbiologie.
Für einen umfassenden Überblick siehe: Die wichtigsten Theorien zur Pathogenese der Endometriose
Embryologische Theorie
Müllersche Rest-Theorie
Diese Theorie besagt, dass während der Embryonalentwicklung Zellen, die zu Endometriumgewebe werden sollten, außerhalb der Gebärmutter fehlplatziert werden. Diese Zellen bleiben bis zur Pubertät inaktiv, wenn hormonelle Veränderungen sie aktivieren.
Das Video unten zeigt Dr. David Redwines Erklärung der Opitz-Theorie zum Ursprung des embryonalen Mesoblasts.
Das englische Original-Video vom 29.01.2021 befindet sich auf Dr. David Redwines († 2023) Facebook-Seite. Facebook
Retrograde Menstruation
Sampson-Theorie
Diese Theorie besagt, dass Menstruationsblut mit Endometriumzellen rückwärts durch die Eileiter in die Bauchhöhle fließt, wo sich die Zellen einnisten und wachsen.
Obwohl retrograde Menstruation bei den meisten Frauen auftritt, entwickeln nur einige Endometriose. Dies deutet darauf hin, dass zusätzliche Faktoren - wahrscheinlich Immunstörungen - bestimmen, wer die Krankheit entwickelt.
Detaillierte Inhalte folgen in Kürze
Begleiterkrankungen
Endometriose-Betroffene haben ein deutlich erhöhtes Risiko für andere Erkrankungen:
- -5-fach erhöhtes Risiko für Reizdarmsyndrom (IBS)
- -2-fach erhöhtes Risiko für ADHS
- -Erhöhtes kardiovaskuläres Risiko (15-35% höheres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, ischämischen Schlaganfall oder Herzinfarkt)
- -Depression und Angststörungen
- -Rheumatoide Arthritis und Lupus
- -Asthma und Allergien
- -Migräne
- -Fibromyalgie
Die Evidenz für Zusammenhänge mit MCAS und POTS ist derzeit begrenzt und basiert hauptsächlich auf überlappenden Symptomprofilen sowie kleinen oder anekdotischen Berichten und nicht auf großen epidemiologischen Studien.
Eine große schwedische bevölkerungsbasierte Studie mit über 800.000 Frauen fand starke Verbindungen zwischen Endometriose und psychiatrischen Störungen. Diese Zusammenhänge lassen sich nicht vollständig durch gemeinsame familiäre Faktoren erklären, was den Bedarf an integrierter psychosozialer Unterstützung unterstreicht. (Gao et al. 2020)
Endometriose betrifft viele Körperbereiche und sollte daher nicht nur von GynäkologInnen, sondern auch von AllgemeinmedizinerInnen betreut werden, um Fehldiagnosen und unzureichende Behandlungen zu vermeiden.
Endometriose bei Women of Color
Erkennung, Krankheitsausmaß und Statistiken
Diese heimtückische, chronisch-entzündliche Erkrankung weist leider auch erhebliche ethnische Unterschiede in der Diagnose und im Krankheitsbild auf. Untersuchungen zeigen weiters, dass eine oft rassistisch geprägte Schmerzwahrnehmung (die in historischen und anhaltenden Vorurteilen innerhalb der Medizin begründet ist) dazu beiträgt, dass Schmerzen bei Frauen mit dunkler Hautfarbe, insbesondere bei schwarzen Frauen, verzögert oder gar nicht gemeldet und wahrgenommen werden. Die Schmerzen schwarzer Frauen werden im Vergleich zu ihren weißen Geschlechtsgenossinnen grundlegend unterschätzt. Eine systematische Literaturrecherche aus dem Jahr 2019 ergab, dass schwarze Frauen im Vergleich zu weißen Frauen mit einer um etwa 50 % geringeren Wahrscheinlichkeit mit Endometriose diagnostiziert werden, während asiatische Frauen mit einer um bis zu 60 % höheren Wahrscheinlichkeit diese Diagnose erhalten. Diese Unterschiede lassen sich nicht vollständig durch biologische Unterschiede erklären, sondern werden durch systemische Vorurteile, sozioökonomische Faktoren und den Zugang zur Gesundheitsversorgung beeinflusst. Darüber hinaus sind Frauen mit dunkler Hautfarbe in der Endometrioseforschung unterrepräsentiert und machen nur einen kleinen Teil der Teilnehmerinnen an klinischen Studien aus, was die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse einschränkt und die Wissenslücken hinsichtlich des Krankheitsbildes bei verschiedenen ethnischen Gruppen aufrechterhält. Beispielsweise wurde bei 40 % der afroamerikanischen Frauen mit laparoskopisch nachgewiesener Endometriose zunächst fälschlicherweise eine Beckenentzündung diagnostiziert, was die verzerrten Vorstellungen von Schmerzwahrnehmung und die gefürchtete Diagnoseverzögerung weiter deutlich macht. Darüber hinaus werden nicht-weißen Frauen seltener minimalinvasive Operationsmöglichkeiten angeboten und sie leiden häufiger unter chirurgischen Komplikationen, was die Ungleichheit im Gesundheitswesen zusätzlich verschärft.
Ethnische Minderheiten stehen vor einzigartigen Herausforderungen bei der Erkennung und Behandlung von Endometriose, was den Bedarf an kulturell kompetenter Versorgung und weiterer Forschung zur Krankheitspräsentation in verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterstreicht.
Psychologische Auswirkungen & Lebensqualität
Schmerz und Psyche
Es gibt keine Heilung für Endometriose, aber es gibt verschiedene Therapieoptionen, die die Symptome lindern können. Die Therapie richtet sich nach den individuellen Beschwerden der Betroffenen. Doch was sollte man noch zu den psychischen Auswirkungen wissen?
Endometriose gilt als die häufigste und schwerwiegendste Erkrankung von Frauen im gebärfähigen Alter. Es wird geschätzt, dass weltweit über 170 Millionen Frauen an Endometriose leiden. Die Inzidenz nimmt weiter zu und erfasst immer jüngere Frauen.
Klinische Erscheinungsformen
Chronisches Schmerzsyndrom
Anhaltende Beckenschmerzen, die den Alltag, die Arbeit und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Verstärken sich oft während der Menstruation, können aber während des gesamten Zyklus auftreten.
Unfruchtbarkeit
Endometriose wird bei 30-50% der Frauen mit Unfruchtbarkeit gefunden. Sie kann die Eizellenqualität, die Eileiterfunktion und die Einnistung beeinträchtigen.
Dyspareunie
Schmerzen während oder nach dem Geschlechtsverkehr, oft als tiefer Beckenschmerz beschrieben. Kann intime Beziehungen und das emotionale Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen.
Psychosoziale Auswirkungen
Endometriose wirkt sich negativ auf den Allgemeinzustand, die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität aus. Neben den körperlichen Symptomen kann sie psychosexuelle Beziehungen stören und zu Veränderungen der weiblichen und sozialen Rolle führen. Die wichtigsten klinischen Erscheinungsformen - Schmerzsyndrom, Unfruchtbarkeit und Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) - sowie der chronische, wiederkehrende Verlauf können als starker psychotraumatischer Faktor wirken.
Das chronische Schmerzsyndrom ist eine der Hauptmanifestationen der Erkrankung und schränkt die Lebensqualität erheblich ein. Die Schmerzen können die Aktivität und Leistungsfähigkeit einschränken und den psycho-emotionalen Zustand, das Sozialleben und das Sexualleben der Betroffenen beeinträchtigen.
Chirurgisches Staging
ENZIAN-Klassifikation
Das ENZIAN-System, entwickelt von Dr. Keckstein und Kollegen, wird seit einigen Jahren zur Klassifizierung der Schwere und Lokalisation der Erkrankung verwendet. Es bietet eine standardisierte Möglichkeit, die oft unübersichtliche Ausbreitung der Endometrioseherde, die während einer OP erfasst werden, zu beschreiben.

"The #Enzian classification: A comprehensive non-invasive and surgical description system for endometriosis." Jörg Keckstein, Ertan Saridogan, Uwe A. Ulrich, Martin Sillem, Peter Oppelt, Karl W. Schweppe, Harald Krentel, Elisabeth Janschek, Caterina Exacoustos, Mario Malzoni, Michael Mueller, Horace Roman, George Condous, Axel Forman, Frank W. Jansen, Attila Bokor, Voicu Simedrea, Gernot Hudelist
ENZIAN-Klassifikationsstudie ansehen
Häufig gestellte Fragen
Nachfolgend Antworten auf die häufigsten und am meisten missverstandenen Fragen zu Endometriose.
Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe ausserhalb der Gebärmutter wächst und verschiedene Symptome verursacht, darunter häufig Schmerzen, Müdigkeit und manchmal Fruchtbarkeitsprobleme.
Häufige Symptome sind chronische Unterleibsschmerzen, Schmerzen nach oder während des Geschlechtsverkehrs, Müdigkeit und Verdauungsprobleme, wobei die Schwere stark variiert.
Genetik kann das Risiko erhöhen, aber auch Umwelt- und Hormonfaktoren spielen eine Rolle. Die Familiengeschichte kann zur Früherkennung herbeigezogen werden und hilfreich sein.
Vertrauenswürdige Quellen sind zertifizierte Endometriosezentren in Krankenhäusern, Patientinnenvertretungen, Healthtech-Plattformen (siehe Directory), vertrauenswürdige Websites (siehe Links), endopaedia und Dokumentarfilme wie nicht die regel, die gelebte Erfahrungen teilen.
Ja, sie kann Arbeit, Beziehungen, psychische Gesundheit und körperliche Aktivität beeinträchtigen, weshalb Aufklärung, Unterstützung und frühzeitiges Eingreifen wichtig sind.
Behandlungen umfassen Schmerzmanagement, Hormontherapien, Operationen und Lebensstiländerungen. Die Behandlung wird oft individuell an Symptome und Ziele angepasst.
Du kannst Selbsthilfegruppen vor Ort beitreten, an Filmvorführungen oder Vorträgen teilnehmen, dich an Aufklärungskampagnen beteiligen oder dich bei klinischen Studien als Patientin anmelden.
Ja, Filmvorführungen, Vorträge, Podcasts und Forschungskooperationen sind möglich - kontaktiere mich über die Website, um einen Termin zu vereinbaren.