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Für Endo braucht frau ein Löwenherz

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Foto: Endopaedia (generativ)

Der Winter weicht zusehends, und gerade im Februar tauchen sie auf: die Herzdekos zum Valentinstag. Pralle rote Herzen hängen in der Gegend, starren einen aus den Schaufenstern an, pulsieren im Internet.

Ihr Bild hat mich nun veranlasst, zum oft stiefmütterlich behandelten Thema Endo und Herzprobleme – oder genauer gesagt „Herzstolpern“ – etwas niederzuschreiben.

Denn so sehr die Forschung auch auf den Zusammenhang von Endo und kardiovaskulären Risiken hinweist, so unsichtbar scheinen doch teils die unangenehmen Arrhythmie-Symptome zu sein, wenn es um Aufklärung in der Frauengesundheit rund um Endometriose geht.

Und doch finden sich bei genauerem Hinsehen einige wissenschaftliche Publikationen, die das Thema Arrhytmie genauer anschneiden.

Ein Review von 2025 zu Endometriose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen fasst verschiedene Kohorten zusammen und gibt u. a. an, dass Endometriose mit einem etwa 26 % erhöhten Risiko für Arrhythmien assoziiert ist (was aus einer britischen Studie hervorgeht). Generell wird ein erhöhtes kardiovaskuläres Gesamtrisiko bei Endometriose als plausibel erachtet, wenngleich einzelne Studien unterschiedliche Effektstärken finden.

Eine weitere Forschungslücke ergibt sich aus der Tatsache, dass es aktuell kaum publizierte spezifische Studien gibt, die sich primär mit klinischen Herzsymptomen (Palpitationen, Herzstolpern etc.) im Sinne von Symptomtagebüchern oder Holter-Monitoring bei Endometriose‐Patientinnen beschäftigen. Der Fokus liegt meist auf diagnostizierten kardiovaskulären Ereignissen und arrhythmischen Diagnosen in Registern, nicht auf subjektiven Symptomen.

Und doch kennen sie viele von uns: die unangenehmen Herzstolperer. Ob nun durch die erhöhte Entzündungsaktivität, allgemeine Erschöpfung oder auch durch versteckten Eisenmangel aufgrund von hohem Blutverlust (z. B. bei Adenomyose) begründet.

Da Endometriose heute als systemische Erkrankung gilt, ist es einleuchtend, dass Herzrhythmusstörungen gleich über mehrere Pfade begünstigt sein können. Die Mechanismen kann man dabei grob in Gefäß-/Herzstruktur, Entzündung/Stress und neuro-hormonelle Regulation einteilen.

Im Folgenden lohnt sich ein Blick auf die biologischen Ebenen, in denen sich diese Zusammenhänge mechanistisch entfalten können.

Chronische Entzündung und Gefäßschäden

Reviews zeigen bei Endometriose vermehrte endotheliale Dysfunktion und arterielle Steifigkeit, was elektrische Instabilität und ischämische Mikro-Schäden am Myokard begünstigen kann – ein Nährboden für Arrhythmien.

Niedriggradige systemische Entzündung und oxidativer Stress führen zusätzlich zu gestörter Endothelfunktion und gestörtem Gefäßtonus.

Hormonelle Faktoren (Östrogen/Progesteron)

Endometriose geht typischerweise mit einem Östrogenüberschuss und Progesteronresistenz einher. Östrogen wiederum beeinflusst Ionenkanäle, Reizleitung und QT-Intervall. Zyklische Hormonspiegelschwankungen können damit die Anfälligkeit für supraventrikuläre und ventrikuläre Rhythmusstörungen modulieren.

Autonomes Nervensystem

Studien zeigen bei Frauen mit Endometriose eine reduzierte vagale Aktivität (Heart-Rate-Variability-Marker), was ein Hinweis auf eine gestörte autonomische Balance ist.

Hinzu kommen oft chronische Schmerzen, Stress und Schlafstörungen, die diese sympathische Überaktivität verstärken können, was Tachykardien und Rhythmusinstabilität fördern kann.

Dieses Bündel aus Rahmenbedingungen, Risikofaktoren und Dysregulationen wird in den meisten Analysen als Grund für das erhöhte Arrhythmierisiko bei Endometriose angenommen.

Wenn ein derartiges Risiko plausibel erscheint, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob und wo es sanfte therapeutische Ansatzpunkte geben kann.

Ein Herz umschlungen von einem Löwenschweif

Leonurus cardiaca – Herzgespannkraut

In den letzten Jahren hat sich das in der europäischen Traditionsmedizin bekannte Herzgespannkraut endlich seinen Platz erkämpft, wenn es darum geht, rezeptfrei bei Palpitationen angewandt zu werden – unabhängig von Endometriose, also bei klassischen HerzpatientInnen, die laut kardiologischer Abklärung (noch) keine starken Medikamente brauchen. Für die Herz-Indikation (Extrasystolen, funktionelle Tachykardien bei Nervosität) ist die traditionelle Anwendung mittlerweile gut etabliert.

Der botanische Name einer in Eurasien verbreiteten Art: Leonurus cardiaca – wobei Leonurus für den Löwenschweif steht und auf die Form seiner in Büscheln stehenden Lippenblüten verweist, die dichtgedrängt und zottig visuell wie die Schwanzquaste eines Löwen rumhängen.

Cardiaca verweist, wie auch alles in der Kardiologie, aufs Herz.

Gibt es denn aber nun Forschung in Richtung Leonurus und Endometriose? Hat der Löwenschweif Potenzial, sich der abtrünnigen Endo-Zellen anzunehmen?

Eher nicht.

Generell kurz vorweg: Es gibt experimentelle Hinweise, dass Bestandteile von Herzgespann (vor allem aus der verwandten Art Leonurus japonicus) entzündungshemmend auf Gebärmutter-/Endometrium-Gewebe wirken. Eine direkte, gut dokumentierte Forschung speziell zu Endometriose beim Menschen existiert bisher aber nur sehr begrenzt und eher indirekt.

Interessanterweise schreibt man in der Traditionsmedizin dem Herzgespannkraut durchaus auch eine Wirkung bei "Frauenleiden" zu. Es ist hierbei ein Uterus-Bezug bekannt, der das Kraut bei Menstruationskrämpfen, PMS, und menopausalen Beschwerden als wirksamen Helfer nennt. Naturheilkundliche Konzepte nutzen Herzgespann daher häufiger zur Linderung von Dysmenorrhö, Zyklusunregelmäßigkeiten, Angst/Anspannung und diversen klimakterischen Beschwerden. Diese Symptome können sich teilweise mit Endometriose überschneiden, müssen aber nicht.

In wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten ist Leonurus cardiaca im Zusammenhang mit kardioprotektiven, antientzündlichen, analgetischen und uterotonischen Effekten zu finden, aber Endometriose wird dabei nicht als klares, klinisch untersuchtes Anwendungsgebiet aufgeführt. Als Nebenwirkung kann es die Blutungsneigung erhöhen (antithrombotische/antiplättchen-Effekte), was bei starker Menstruationsblutung oder gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulanzien/Thrombozytenaggregationshemmern relevant ist.

Relevante Wirkstoffe und Uterus-Effekte

Wichtige Inhaltsstoffe des Herzgespanns sind u. a. Alkaloide wie Stachydrin und Leonurin sowie bestimmte Cumarin-Derivate. Sie zeigen vasodilatierende, entzündungshemmende und glatte-Muskulatur-modulierende Effekte.

Eine tierexperimentelle Arbeit aus 2025 zu „motherwort total alkaloids“ (aus Leonurus japonicus) zeigte, dass die hierbei insgesamt 39 identifizierten Alkaloide eine experimentell hervorgerufene Endometritis (Entzündung der Gebärmutterschleimhaut) über Hemmung des PI3K/AKT/NF-κB-Signalwegs und Reduktion von Entzündungsmediatoren deutlich abmildern.(1)

Dieselbe Arbeit formuliert zudem, dass diese Alkaloide auch „anti-Endometriose-Effekte“ in vitro durch Herunterregulierung des PI3K/AKT/NF-κB-Signalwegs auf Endometrium-Zellen zeigen.

Humanstudien stehen aber in diesem Zusammenhang noch aus, und es handelt sich zudem um eine verwandte Art und nicht um unser Herzgespannkraut, wie es in Europa vorkommt.

Es wäre jedoch nicht das erste Mal, dass die traditionelle europäische Medizin durch jahrzehntelange Anwendungsbeschreibungen Hinweise auf potenzielle künftige Wirkstoffe liefert, die man sich bei der Suche nach einem Endometriose-Arzneimittel zunutze machen kann.

Das Löwenherz von uns Endopatientinnen braucht daher neben Mut vor allem eines: Geduld für die Forschung.

Studien zu Komorbiditäten und Endo findest du auf der Studien-Seite →


(1) Effect of Leonurus japonicus alkaloids on endometrial inflammation and its mechanisms

Leonurus cardiaca L. als Quelle bioaktiver Verbindungen

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