Wir blicken auf große Fortschritte in der visuellen Diagnostik der Endometriose zurück, und 2026 zeichnet sich ein neues potenzielles Bildgebungsmittel ab. Zunächst jedoch ein kurzer Rückblick auf die historische Entwicklung der visuellen Endometriose-Detektion.
Von der Autopsie zur Mikroskopie
Die erste definitive visuelle und mikroskopische Diagnose der Endometriose wird dem österreichischen Pathologen Carl Freiherr von Rokitansky zugeschrieben, der sie im Jahr 1860 beschrieb. Rokitansky gilt als Pionier, der die Pathologie von spekulativer Philosophie zur exakten klinischen Wissenschaft führte.
Im Laufe seiner Karriere führte bzw. beaufsichtigte er persönlich 30.000 bis 60.000 Autopsien, was ihm beispiellose Einblicke in die menschliche Anatomie ermöglichte. Rokitansky suchte nicht gezielt nach Endometriose – seine Entdeckung war vielmehr ein Nebenprodukt seiner systematischen und unermüdlichen Autopsie-Praxis am Allgemeinen Krankenhaus in Wien.

Bei seinen Untersuchungen stieß er regelmäßig auf weibliche Leichen mit schweren Beckenverwachsungen, Zysten und unerklärlichen Wucherungen im Abdomen. Bei der mikroskopischen Untersuchung dieser Gewebeproben entdeckte er etwas Außergewöhnliches: abnorme Wucherungen an den Eierstöcken, der Blase und dem Darm, die zelluläre Strukturen enthielten, die identisch mit den Drüsen und dem Stroma des Endometriums (der Gebärmutterschleimhaut) waren. Er dokumentierte das Gewebe und klassifizierte es als tumorähnlich, da die Wucherungen ihm aggressiv und invasiv erschienen.
Tatsächlich spiegelt die heutige Definition der Endometriose noch immer dieses Paradox wider: gutartiges Gewebe, das außerhalb seines "natürlichen Standortes" destruktiv wirkt. Heute werden die neuroimmunologischen Zusammenhänge hinter diesem Verhalten zunehmend enthüllt.
Die frühe Diagnostik ab dem 19. Jahrhundert basierte auf der makroskopischen Beobachtung (mit bloßem Auge) von operativ entnommenen Gewebeproben, die oft als „Adenomyom“ oder „Schokoladenzysten“ bezeichnet wurden.
Ultraschall betritt die Bühne
Der Ultraschall hielt 1958 offiziell Einzug in die Gynäkologie und Geburtshilfe. Die ursprüngliche Technik basierte auf einem großen, primitiven transabdominalen Gerät, das aus der industriellen Materialprüfung und der Schifffahrt (Sonar-Technologie) adaptiert worden war. Damit gelang es, zwischen soliden Tumoren und gutartigen, flüssigkeitsgefüllten Ovarialzysten zu unterscheiden.
Der Ultraschall brachte eine neue Ebene der visuellen Detektion, blieb und bleibt aber stark abhängig von der Mustererkennung und Erfahrung des Anwenders (Radiologe, Gynäkologe) sowie von der Auflösung des Geräts oder der Software.
Kartierung der tiefen Endometriose
Der aktuelle Goldstandard für die 3D-Kartierung und präoperative Planung komplexer Beckenendometriose ist der erweiterte transvaginale Ultraschall (TVS) in Kombination mit dem IDEA-Protokoll (International Deep Endometriosis Analysis) sowie der 3D-Volumen-Rekonstruktion/VOCAL-Verarbeitung. Alle potenziellen Läsionen werden dokumentiert, was bei einer anschließenden laparoskopischen Exzision wertvolle Zeit unter Narkose erspart.
Während der konventionelle 2D-Ultraschall Echtzeit-Bewegungsdaten liefert, verbessern spezialisierte 3D-Transvaginal-Volumen-Wandler die Qualität der Kartierung durch:
- Koronalebenen-Rekonstruktion: Standard-2D-Ultraschall kann die koronale Ebene (seitliche Schnittansicht) nur schwer darstellen. Die 3D-Ultraschall-Technologie rekonstruiert diese Ebene mathematisch und ermöglicht so eine präzise strukturelle Analyse der uterosakralen Bänder und des rektovaginalen Septums.
- VOCAL (Virtual Organ Computer-Aided Analysis): Diese spezielle Software kartiert und verfolgt präzise die Volumina komplexer, unregelmäßiger tiefer Endometriose-Knoten im Zeitverlauf.
- Quantitative Grauwertanalyse: Eine 3D-Gewebe-Software hilft, die Gewebedichte zu bewerten, um somit zwischen rein fibrotischem, starrem Gewebe und vaskularisierten, aktiven Läsionen zu unterscheiden.
MRT und die vollständige Becken-Kartographie
In den frühen 1990er-Jahren revolutionierte die Becken-Magnetresonanztomographie (MRT) das Management der Endometriose, indem sie eine umfassende, nicht-invasive Kartierung des gesamten Beckens ermöglichte. Sie überbrückte die Lücke zwischen der ersten Screening-Untersuchung und dem Operationssaal.
1999 legten Forscher wie K. Kinkel mit ihrer bahnbrechenden Arbeit die spezifischen MRT-Merkmale der tief infiltrierenden Endometriose (DIE) fest. Damit entwickelte sich die MRT von einem Werkzeug zur Darstellung von Ovarialzysten zu einer umfassenden Methode zur Kartierung tiefer Gewebestrukturen. Da Endometriose bei jedem Menstruationszyklus intern blutet, wirken diese eingeschlossenen Blutprodukte als natürliche „Kontrastmittel“, die in bestimmten MRT-Sequenzen sichtbar werden.
Heute gilt die MRT letztlich als Problem-Lösungsinstrument der zweiten Wahl. Wird ein transvaginaler Ultraschall als nicht aussagekräftig bewertet oder zeigt eine hochsymptomatische Patientin unauffällige Ultraschallbefunde, wird eine spezialisierte Becken-MRT veranlasst.
Zusammengefasst: Während der 3D-TVS tiefe infiltrierende Endometriose und Ovarialzysten mit einer Genauigkeit darstellen kann, die der MRT entspricht oder sie sogar übertrifft, gelingt es ihm nicht zuverlässig, oberflächliche peritoneale Endometriose (mit flachen Oberflächenimplantaten) nachzuweisen. Hier kommt ein neues Bildgebungsmittel ins Spiel.
Das neue Bildgebungsmittel: Maraciclatid
Maraciclatid (ehemals NC100692) ist ein synthetischer radioaktiv markierter Tracer, der spezifisch an αvβ3-Integrin-Rezeptoren bindet, die bei Angiogenese und Entzündungen überexprimiert werden. Das von Serac Healthcare entwickelte Mittel wird für die nicht-invasive Bildgebung von Erkrankungen wie Endometriose, interstitiellen Lungenerkrankungen (ILD) und verschiedenen Krebsarten mithilfe von SPECT/CT untersucht. Es wird intravenös verabreicht und mit Gammaszintigraphie oder SPECT-CT visualisiert.
Gute Ergebnisse, eine Hoffnung und Potenzial für Läsionsdetektion
Im April 2026 veröffentlichten Serac Healthcare und die Universität Oxford Daten einer Phase-II-Studie, die zeigen, dass 99mTc-Maraciclatid, ein molekulares Bildgebungsmittel, Endometriose nicht-invasiv darstellen kann.
Die DETECT-Studie demonstriert das große Potenzial des Mittels für die nicht-invasive Visualisierung der oberflächlichen peritonealen Endometriose (SPE), was die Notwendigkeit diagnostischer Operationen bei diesem häufigsten Subtyp der Endometriose reduzieren könnte. Dies ist besonders relevant, da die peritoneale Endometriose historisch gesehen schwer durch Ultraschall oder MRT nachzuweisen ist. Sie macht 80 % aller laparoskopisch diagnostizierten Endometriose-Fälle aus – ein nicht-invasives Nachweisverfahren wäre daher von großer Bedeutung.
In der Studie wurde Endometriose bei 14 von 17 chirurgisch bestätigten Teilnehmerinnen nachgewiesen. 10 Teilnehmerinnen mit SPE hatten innerhalb der vorherigen 12 Monate eine konventionelle Bildgebung (TVS und/oder MRT) erhalten – keine dieser Untersuchungen hatte die SPE erkannt. In dieser kleinen Studie gab es keine falsch-positiven Befunde, was einer Spezifität von 100% entspricht. Läsionen wurden bei allen Endometriose-Subtypen nachgewiesen, einschließlich zweier Fälle von thorakaler Endometriose, unabhängig von der aktuell angewandten Therapie.
Abseits der Diagnostik bietet das Mittel Hoffnung für die Überwachung von Rezidiven und eine Möglichkeit der Messung, ob eine Patientin auf Therapie anspricht. Sollten sich die Phase-II-Ergebnisse in Phase-III-Studien bestätigen, könnte sich Maraciclatid als ein außerordentlich wertvolles Werkzeug erweisen – für Forschende und Patientinnen gleichermaßen.
Nebenwirkungsprofil
Maraciclatid unterscheidet sich grundlegend von gadoliniumbasierten Kontrastmitteln (GBCAs), die als MRT-Kontrastmittel eingesetzt werden – sowohl in der chemischen Zusammensetzung als auch im Sicherheitsprofil. Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass Maraciclatid schwere Langzeitwirkungen wie nephrogene systemische Fibrose (NSF) oder Gewebeablagerungen verursacht, die typischerweise mit Gadolinium in Verbindung gebracht werden.
Maraciclatid besteht aus einem kleinen synthetischen Peptid, das mit Technetium-99m markiert ist. Technetium wird seit Jahrzehnten in der Nuklearmedizin eingesetzt und ist nicht für permanente Gewebeablagerungen oder NSF-ähnliche Symptome bekannt. Das Peptid hat eine sehr kurze biologische Halbwertszeit von etwa einer Stunde. Auch der radioaktive Tracer Technetium-99m zerfällt schnell (Halbwertszeit: 6 Stunden). Dadurch wird die Zeit minimiert, in der der Wirkstoff mit dem Körper interagieren kann.
Im Gegensatz zu Gadolinium (das keine Strahlung bei der MRT abgibt), handelt es sich bei Maraciclatid um ein Radiopharmazeutikum, das in der SPECT/CT eingesetzt wird. Das Hauptrisiko besteht hier also in der niedrigen Strahlenbelastung, die jedoch mit der anderer gängiger nuklearmedizinischer Untersuchungen vergleichbar ist und für diagnostische Zwecke grundsätzlich als sicher gilt.
In Phase-I-Studien erwies sich das Mittel als sicher mit leichten, selbstlimitierenden Nebenwirkungen. Die Dosimetrie ist mit der anderer 99mTc-Mittel vergleichbar, Langzeitdaten liegen jedoch noch nicht vor.
Ausblick
Die Ergebnisse dieser Studie könnten die Anzahl unnötiger laparoskopischer oder thorakoskopischer Operationen reduzieren und gleichzeitig die Genauigkeit und Geschwindigkeit der Diagnose sowie die Krankheitsüberwachung und -behandlung für Millionen von Frauen weltweit verbessern.
Bevor diese Technik jedoch in der routinemäßigen klinischen Praxis eingesetzt werden kann, sind weitere Validierungen erforderlich. Internationale multizentrische Phase-III-Studien sollen noch in diesem Jahr beginnen.
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